… und zwar mehr als jeder Vergleich je hinken könnte.
Es ist mir persönlich tatsächlich unverständlich, warum manche (viele) so beim Thema Nichtraucherschutz anfangen sprichwörtlich zu geifern. Die Diskussion wird emotional und polemisch geführt – von Sachlichkeit ist nicht viel zu merken.
Die Argumente auf „Nichtraucherseite“ sind dazu meistens noch falsch. Die gängigsten Argument gegen eine Novellierung des „Nichtraucherschutzes“, die ich mir in den letzten Monaten angehört habe, habe ich hier aufgelistet und stelle sie zur Diskussion.*
Argument Nr. 1
Der Rauch belästigt mich beim Essen!
Ja, akzeptiert – Aber nun mal die Fakten: Ich habe noch von niemandem – keinem Raucher aus meinem Bekannten oder Kundenkreis, keinem Zigaretten- oder sonstigen Interessensverband – jemals gehört, dass das Rauchen in Speisegaststätten wieder zugelassen werden soll. Das ist überhaupt keine Forderung auf Seiten der Raucher. Rauchen soll in Restaurants weiterhin verboten sein.
Argument Nr. 2
Rauchen in Gegenwart von Kindern ist „asozial“. Raucherräume oder Rauchergaststätten sollen verboten bleiben oder werden, damit nicht Eltern Ihre Kinder dorthin schleppen.
Nicht nur, dass diese Eltern die Verantwortung für ihre Kinder selber tragen, nein – hier auch die Fakten: in allen mir bekannten seriösen Entwürfen, einschließlich der bayerischen Novellierung des Nichtraucherschutzgesetztes, ist Menschen unter 18 Jahren der Zutritt zu Raucherräumen verboten – und zwar auch in der Begleitung Erwachsener, der Eltern, älterer Freunde … D.h. selbst die verantwortungslosesten Erwachsenen könnten ihre Kinder oder Enkel gar nicht in einen Raucherraum schleppen.
Es gibt auch niemanden, der seriös fordert, dass in Jugend-, Bildungs- oder Kultureinrichtungen wieder geraucht werden darf.
Argument Nr. 3
Passivraucher leiden und sterben!
So ist es! Fakt: Deswegen soll Rauchen generell eine Ausnahme bleiben – das sehen auch alle Gesetzesentwürfe und Forderungen vor. In Raucherkneipen und Raucherclubs können Nichtraucher gerne Gäste sein und sind sich voll bewusst, welches Risiko sie durch das aktive Betreten eingehen.
In öffentlichen Räumen, Restaurants und gängigen Gaststätten und überall dort, wo sich Menschen aufhalten müssen, wird nicht geraucht und niemand muss als Passivraucher leiden.
Argument Nr. 4
„Es darf keine Raucherräume, Eckkneipen für Raucher oder Raucherclubs geben.“
Bis heute ist mir nicht ein einziges stichhaltiges Argument genannt worden, warum Erwachsenen, mündigen Bürgerinnen und Bürgern verboten werden soll, sich in vollem Bewusstsein der Gefahren gemeinsam in einer Raucherkneipe oder einem Zigarrenclub ein „Glimmstengelchen“ anzuzünden.
Was hier gelten könnte, wäre der Schutz der Arbeitnehmer (der auch der Auslöser für die ursprünglichen Gesetzesentwürfe war). Allerdings ist das in inhabergeführten Gaststätten kein Thema. Paul, mein „Grieche um die Ecke“ raucht selber leidenschaftlich und hätte keine Sorgen, in seinem Nebenzimmer den Rauchern ein Bier hinzustellen.
Wenn Sie also ein gutes Argument haben, schreiben Sie bitte es hier als Kommentar!
Argument Nr. 5
Raucher nutzen das Gesundheitssystem aus und schädigen damit die Solidargemeinschaft!
Zunächst ein kleiner Ausflug in die Ironie: Viele Raucher haben schwere Gesundheitsschäden und verursachen dadurch hohe Behandlungskosten. Aber: Raucher sterben auch früher. Das heißt, die Sozialkassen sparen Behandlungskosten in noch höherem Alter, das oft mit Gebrechlichkeit verbunden ist und vor allem die Rentenkassen sparen ganz immens.
Ist nun der finanzielle Schaden der durch die Raucher im System entsteht höher, niederiger oder gleich dem Gewinn, der durch ein früheres Ableben erzielt wird?
Nun: Es gibt keine belastbaren Statistiken zu diesem Thema. Es gibt Statistiken über die höhere Sterblichkeit von Rauchern, über mögliche Folgen des Rauchens und es gibt Hochrechnungen (!) was die kranken Raucher uns alle kosten. Aber es gibt keine Gegenrechnung und damit auch keine Gesamtbilanz. Weil diese einerseits zynisch wäre und andererseits wohl auch kein Interesse an diesem Gegenargument besteht.
Aber nehmen wir mal an, dass Raucher den Sozialkassen tatsächlich unter dem Strich teuer zu stehen kommen.
Wäre das ein Argument, Rauchen zu verbieten, weil sich Menschen freiwillig diesem Risiko aussetzen und ihre Gesundheit ruinieren. Und dafür müssen die anderen ja wohl nicht aufkommen, oder?
Folgt man dieser Logik, dann wäre die nächste Frage: Wie ist es denn mit den Dicken? Die machen doch das gleiche, wenn sie nicht nachweisbar krank sind. Oder überhaupt Menschen die sich zuwenig bewegen und zu fett essen. (Herzkreislauferkrankungen im Allgemeinen sind die Todesursache Nr. 1 in Deutschland). Schon mal auf die Packung eines BigMac geschaut? Fast 500 Kalorien, überwiegend aus Fett und viel zu viel Salz.
Wie sieht es mit Bürgerinnen und Bürgern aus, die regelmäßig Alkohol trinken. Oder den Managern, Verkäuferinnen, Lehrern und und und, die durch den Streß im Beruf ihre Gesundheit runinieren.
Und erst die Skifahrer …
Wenn man den Rauchern „Mehrkosten“ vorhält, warum dann nicht auch anderen Menschen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen? Und damit wären wir bei der individuellen Versicherung je nach Risikofaktor. Das wäre ein Ausstieg aus der Solidargemeinschaft. Von mir aus gerne – dann trage ich mein zusätzliches Risiko selbst, aber dann bitte auch nicht mehr die Kosten für mitversicherte Familienangehörige oder Empfänger von Transferleistungen. Denn z.B. für Kinder, die von ihren Eltern von klein auf durch zu viel Süßes in die Diabetes gemästet werden, will ich dann auch nicht mehr aufkommen.
Wir sehen – die Diskussion wird vor allem emotional geführt. Und das mit falschen oder nicht durchdachten „Argumenten“.
Was wir brauchen ist eine klare und intelligente (!) Regelung.
*Was für mich persönlich nicht diskussionswürdig ist: Warum muss ich rauchen? Wie schädlich, giftig und „scheiße“ sind Zigaretten? Was für grauenvolle Folgen hat das Rauchen? Wem hat wer schon mal in die Suppe geascht? Sterben Raucher früher? Sind Zigarettenraucher, die Ihre Kippen auf die Straße oder sonstwohin werfen blöd (Ja, sind sie – genauso wie Menschen, die ihre Hunde im öffentlichen Raum ihr Würstchen ablegen lassen) ?
Ist Passivrauchen schädlich? Wieviele Menschen starben vor der Einführung des Nichtraucherschutzes am Passivrauchen? Muss ich Rücksicht auf Nichtraucher nehmen? Brauchen wir eine gesetzliche Regelung?
Das sind grundsätzlich Argumente von Nichtrauchern für Nichtraucher, die nur die „Frommen frommer machen“. Ich weiß von der Schädlichkeit des Rauchens (auch des Passivrauchens), ich kenne die Gerüchte darüber, was angeblich alles in den Tabak gemischt wird (ich selbst rauche Zigarillos einer Marke, die wirklich nur aus Tabakblättern besteht – und bin nicht daran interessiert nachgewiesen zu bekommen, warum in diese doch irgendwas hineingemischt wurde).
Ich brauche niemanden, der mich über die Schädlichkeit und Risiken des Rauchens aufklärt (die kenne ich). Und vor allem: Das sind keine Argumente gegen eine Novellierung des Nichtraucherschutzgesetzes.
Außer jemand fordert ernsthaft, dass der Staat für mich Vorkehrungen treffen muss, damit ich als süchtiger Raucher vom Drogenkonsum abgehalten werde. Wer dies möchte, sollte sich ernsthaft damit auseinandersetzen, was er da fordert und was die Konsequenzen für das tägliche Leben sind: Alkohol, fettes Essen, Fastfood, Bewegungsmangel … da gibt es viele Bereiche, in denen man die Bürgerinnen und Bürger dringend bervormunden müsste, oder?
Zu 4: Ich könnte sicher mit einer gewissen Quote von Raucherclubs und rauchenden Eckkneipen leben, alle Argumente für solche sind akzeptabel. Leider gibt es faktisch in meinem Lebensumfeld fast nur noch Raucherclubs, wo es früher Kneipen gab, so daß für mich nichts mehr übrig bleibt.
Zu 5: Ich habe keine belastbare Quelle vorzuweisen, habe aber mal einen Artikel gelesen, der das alles aufkumuliert hat und tatsächlich zu dem Ergebnis kam, daß Rauchen für die Gemeinschaft aufgeht, das Stichwort heißt „sozialverträgliches Frühableben“ und erfordert neben Tabaksteuer und Gesundheitswesen die Einbeziehung von anderen Bereichen wie der Rentenkasse. Angeblich zahlt der Raucher in seiner Lebensmitte überdurchschnittlich viel in dieses Gesamtsystem ein, verursacht dann kurzfristig hohe Krankheitskosten, ehe er um den Umkehrpunkt herum früher als seine Mitmenschen verscheidet und damit überdurchschnittlich wenig aus dem Gesamtsystem entnimmt – an Rente, künstlichen Hüftgelenken, Dritten Zähnen… Ja, das ist herrlich zynisch, aber auf den ersten Blick plausibel.